Zum Beginn dieses Beitrags, möchte ich Ihnen erst einmal eine kleine Geschichte von der ersten Physik-Testklausur an unserer Universität erzählen. Im ersten Semester sind bekanntlich alle Studenten noch motiviert, wollen möglichst alle Skripte auswendig lernen, jede neue Regel verstehen und auf keinen Fall in einer Vorlesung fehlen. Unsere Physik Dozentin beschloss zu Beginn des Semesters, dass wir 2 Testklausuren schreiben werden, in denen wir
1. Schon mal in die Prüfungsatmosphäre hineinschnuppern können und
2. Anhand des Ergebnisses erkennen können, wo wir gerade mit unserem Wissen stehen.
Dabei wurde ausdrücklich gesagt: Das Ergebnis wird keine Konsequenzen für uns haben, es dient uns lediglich zur Selbsteinschätzung. Die Teilnahme an einer dieser beiden Testklausuren war jedoch verpflichtend, es wurde jedoch keinerlei Druck auf uns ausgeübt, bezüglich unserer Leistung.
Drei Mal dürfen Sie raten was passiert ist: Kein Student hat die Klausur ernst genommen (ich hielt es noch nicht einmal für nötig, meinen Taschenrechner mitzunehmen) und die BESTE Klausur lag bei 15 von 40 Punkten... Eine absolute Katastrophe, obwohl doch eigentlich alle Studenten durchaus motiviert sind. Zur zweiten Testklausur kam dann nur noch die Hälfte der Studenten (ich bin zu Hause geblieben und habe Basketball geschaut, aber aus "Augenzeugenberichten" habe ich diese Information erhalten).
Für dieses Ergebnis der Testklausur fallen mir ganz spontan 2 mögliche Gründe ein:
a) Wir sind ein Jahrgang voller Versager und Nichtsnutze und alle zusammen eine Schande für unsere Universität.
b) Wie jeder normale Schüler bzw. Student erledigen wir keine Arbeit, die wir nicht machen müssen!
Deswegen war ich auch sehr erstaunt, als ich gestern auf Spiegel.de einen Artikel gelesen habe, in dem eine Frau (Sabine Czerny) ernsthaft die Abschaffung von Schulnoten fordert, denn diese würden Schüler unnötig unter Druck setzen und zwischen "guten" und "schlechten" Schülern unterscheiden. Ein Konzept, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte, weswegen ich das ganze auch zu erst nur für eine Spinnerei hielt.
Hier einmal kurz die Hauptargumente von Frau Czerny zusammengefasst:
1. "...nur mit Noten kann den Menschen eine unvereinbare Unterschiedlichkeit in den Fähigkeiten, Kompetenzen und Ausrichtungen der Kinder und Jugendlichen suggeriert werden."
2. "...Schulnoten [können] keine Aussage über die tatsächliche Kompetenz und die Leistung eines Schülers machen."
3. "Noten dienen stattdessen, unabhängig vom absoluten Fähigkeitsstand, lediglich dazu, eine Verteilung vorzunehmen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen, allen voran die finanziell schlecht gestellten und die Kinder mit Migrationshintergrund, klar benachteiligt."
Belassen wir es mal kurz bei diesen vieren, ich kann ja nicht den ganzen Artikel hier herein kopieren.
Zu 1.: Warum können wir nicht akzeptieren, dass nicht jeder Schüler das Zeug zum Molekularbiologen, nicht jeder Schüler das Zeug zum Mathematik Proffessor und nicht jeder Schüler das Zeug zum Star-Dirrigenten hat? Ich meine, jeder hat doch in seiner Schulzeit erlebt, dass es manche Schüler gibt, die sich nur in den Mathe Unterricht hineinsetzen und dem Lehrer zuhören müssen um alles zu verstehen, während andere Schüler mehrere Tage lernen müssen, um überhaupt nichts zu verstehen. Natürlich haben verschiedene Schüler auch verschiedene Fähigkeiten und Ausrichtungen. Der eine ist ein guter Naturwissenschaftler, während der andere ein phänomenaler Künstler ist etc. Auch wenn es vielleicht nicht in unser tolles, politisch korrektes Weltbild passt: Wir müssen mal akzeptieren, dass es Menschen gibt, die in manchen Dingen schlechter sind als andere!
Zu 2.: Natürlich können Schulnoten eine Aussage über die Kompetenz eines Schülers machen... Im Lehrplan steht, was man können muss ,der Lehrer prüft diese Sachen und wenn man viel von dem Stoff im Lehrplan weiß, in anderen Worten also: Die geforderten Kompetenzen erfüllt, dann kriegt man auch eine gute Note. (Anmerkung: Ich habe das Schulsystem in Baden-Württenberg genossen, in Bayern scheint es so zu sein, dass eine Klasse irgendwie nie besser als ein bestimmter Notenschnitt sein darf, also sozusagen: Wenn die Klasse zu gut ist, müssen die Anforderungen nach oben geschraubt werden, damit der Schnitt wieder "normal" wird. So ein System finde ich persönlich auch ziemlich besch...eiden, aber dann sollte man diese "Schlechter-Schnitt-Regel" ändern und nicht die Noten an sich abschaffen!)
Zu 3.: Also das ist doch wirklich vollkommen absurd... Auch ein armer, türkischstämmiger Schüler kann eine 1 schreiben, wenn er alle Aufgaben richtig löst. Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt, in dem ein Lehrer die Noten nach der Herkunft oder dem Wohlstand der Schüler vergibt.
Aber hey: Bringen wir doch einfach mal Begriffe wie "Diskriminierung" ins Spiel, dann kaufen uns die Leute ja sowieso alles ab!
Mal erlich: Sie können einem Kind/Jugendlichen so oft sie wollen die typischen Geschichten erzählen wie z.B.:"Es geht um deine Zukunft", "Du lernst für dein Leben", "blablabla". Kein einziges Kind wird voll und ganz begreiffen, wie wichtig eine gute Bildung für das gesamte Leben ist und deshalb die Schule immer als "Pflichtveranstaltung" zur befriedigung der Eltern und der Lehrer ansehen. Wenn wir nun das einzige Druckmittel, dass die Kinder dazu "zwingt", tatsächlich Leistungen in der Schule zu erbringen abschaffen, dann müssen sie diese "lästige Pflicht" nicht mehr erfüllen, weil ja sowieso keiner kontrollieren kann, wie viel die Kinder in der Schule gelernt haben. Die Vorstellung, dass sich ein in Physik und Mathe eher schwacher Schüler, aus purer Freude und Neugier, in die "spannende Welt der Quantenphysik" einarbeitet, ist zwar eine ziemlich romantische Vorstellung der Kuschelpädagogen, aber leider ziemlich unrealistisch.
Außerdem finde ich, wenn ein Schüler in der 8. Klasse die Bruchrechnung noch immer nicht beherrscht, dann sollte man ihn mithilfe einer entsprechenden Note darauf hinweisen. Ein aufmunterndes Gespräch und Sätze wie: "Lass dir Zeit, du kannst das lernen wann immer du willst, wir zwingen dich zu nichts." werden einen Schüler garantiert nicht dazu bringen, 1-2 Jahre Mathematikunterricht nachzuholen. Eine gefährdete Versetzung hingegen schon.
Auch wenn es viele nicht gerne hören werden: Wenn man nicht rechnen kann, dann sollte man besser nicht Luft- und Raumfahrt Ingenieur oder Astrophysik Proffessor werden und wenn ein Ingenieur einen Fehler bei einer Berechnung macht, dann geht meistens was kaputt. Und auch wenn es gemein klingt: Manche Menschen haben nun mal einfach nicht das Zeug zum Luft- und Raumfahrt Ingenieur und werden auch nie das Zeug dazu haben. Ich z.B. akzeptiere auch, dass ich niemals der nächste Picasso werde, deswegen male ich auch keine Bilder!
Bei diesem Thema können wir ausnahmsweise mal etwas von den Amerikanern bzw. vom amerikanischen Traum lernen. In Amerika herrscht nämlich eine ganz andere Mentalität:"Win or go home". Wer sich ein bisschen mit den amerikanischen Profiligen (NBA,NHL,NFL,MLB) auskennt, wird diesen Spruch sicherlich schon einmal gehört haben. Am Ende der Saison werden nämlich die Playoffs ausgespielt und dort heißt es: Entweder du gewinnst oder du bist raus. Es gibt in den amerikanischen Ligen auch kein Unentschieden. Es gibt nur Gewinner und Verlierer. Und deswegen weiß dort auch jedes Kind: Wenn ich etwas erreichen will, also zu den Gewinnern gehören will, dann muss ich mich gefälligst anstrengen und viel trainieren. Die Menschen in den USA werden schon von ihrer Kindheit an auf Leistung getrimmt.
Bei uns im Jugendfussball hingegen gibt es entweder ein Unentschieden, oder einen Sieger und einen zweiten Sieger und zum Schluss bekommen alle noch ein Bonbon und dann sind plötzlich alle Gewinner, denn es hat uns ja Spass gemacht und darum geht es ja immer. "Oh hey Chef, ich hab grad eben ziemlichen Mist gebaut, aber ich hab mich wirklich angestrengt und es hat mir echt Spass gemacht, also bitte nicht böse sein".
Natürlich sollen Kinder nicht im ständigen Wettbewerb gegeneinander antreten, z.B. bei den Schulnoten (also die Amerikaner übertreiben es schon ein klein bisschen, aber der Grundgedanke ist schon richtig), aber sie müssen irgendwann auch einmal begreiffen, dass unsere Welt nicht aus Gummibärchen besteht und dass es später einmal im Job nur noch auf ihre erbrachte Leistung ankommt. Deswegen sollten Schüler auch den Druck von der Schulnoten verspüren, damit sie lernen, Leistung zu erbringen und sich anzustrengen. Nur wenn ein Schüler ein Feedback in Form einer schlechten Note erhält, hat er einen Grund, sich für die nächste Arbeit mehr anzustrengen und den Stoff aufzuarbeiten.
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